Das Konzept Postwachstum (auch als Degrowth bezeichnet) stellt unsere heutige Wirtschaftsweise radikal in Frage. Es besagt, dass unendliches Wirtschaftswachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nicht möglich ist und uns in ökologische und soziale Krisen führt. Anstatt nur auf ein steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu schauen, geht es beim Postwachstum darum, die Lebensqualität für alle zu erhöhen und dabei die ökologischen Grenzen unseres Planeten einzuhalten. Es ist eine Bewegung hin zu Qualität statt Quantität.
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ToggleDieses Umdenken ist nicht nur eine Aufgabe für die Politik oder große Konzerne. Im Alltag kann jede und jeder Einzelne wichtige Schritte gehen, um zu einer zukunftsfähigeren Gesellschaft beizutragen. Es geht darum, das „Gute Leben“ neu zu definieren – weniger materiell, dafür reicher an Zeit, Gemeinschaft und Sinn.
1. Suffizienz: Das rechte Maß finden
Das zentrale Stichwort auf persönlicher Ebene ist Suffizienz. Das bedeutet so viel wie „Genügsamkeit“ oder „das rechte Maß“. Es geht nicht ums Verzichten oder Darben, sondern darum, bewusst zu hinterfragen: Was brauche ich wirklich, um glücklich und zufrieden zu sein?
Suffizienz setzt bei den eigenen Bedürfnissen an. In einer Gesellschaft, die stark von Konsum, Wachstum und „mehr ist besser“ geprägt ist, fällt es oft schwer, zwischen echten Bedürfnissen und anerzogenen Wünschen zu unterscheiden. Werbung, soziale Medien und gesellschaftliche Normen vermitteln ständig neue Ideale von Erfolg, Status und Lebensqualität. Suffizienz lädt dazu ein, diese Impulse kritisch zu reflektieren und sich davon zu lösen. Sie fragt nicht: Was kann ich mir noch leisten?, sondern: Was trägt tatsächlich zu meinem Wohlbefinden bei?
Dabei geht es auch um Zeit, Aufmerksamkeit und Energie. Ein suffizientes Leben bedeutet nicht nur, weniger Dinge zu besitzen, sondern auch bewusster mit der eigenen Lebenszeit umzugehen. Weniger Termine, weniger Verpflichtungen, weniger ständige Erreichbarkeit können zu mehr innerer Ruhe, tieferen Beziehungen und höherer Lebenszufriedenheit führen. Suffizienz kann somit als Gegenentwurf zur permanenten Beschleunigung verstanden werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Verbindung zwischen Suffizienz und Verantwortung. Wer sich auf das Wesentliche konzentriert, verbraucht in der Regel weniger Ressourcen und verursacht weniger Umweltbelastungen. Der persönliche Gewinn: mehr Klarheit, Freiheit und Zufriedenheit. Dies geht dabei Hand in Hand mit einem gesellschaftlichen Nutzen. Suffizienz ist daher nicht nur eine individuelle Haltung, sondern ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit.
Tauschen, leihen, gemeinschaftliche Nutzung als Teil einer Postwachstumsökonomie | Foto von Simon Hurry auf Unsplash
Konsum reduzieren
Kaufen Sie nur, was Sie wirklich benötigen. Fragen Sie sich: Ist das ein Bedürfnis oder eine durch Werbung erzeugte Sehnsucht? Das reduziert den Bedarf an Produktion und damit den Ressourcenverbrauch.
Langlebigkeit fördern
Reparieren Sie Dinge, anstatt sie wegzuwerfen. Achten Sie schon beim Kauf auf Qualität und Reparierbarkeit. Der Akku im Handy kann oft ersetzt werden, die Schuhsohle geflickt
2. Teilen, Tauschen, Gemeinsamkeiten stärken (Commons)
Der Übergang von privatem Eigentum hin zu Gemeingütern (Commons) ist ein wichtiger Baustein im Postwachstum. Wenn Dinge geteilt werden, sinkt der Bedarf, dass jeder alles besitzt.
Commons können ganz unterschiedlich aussehen: Gemeinschaftsgärten, offene Werkstätten, Bibliotheken der Dinge, Carsharing, offene Software oder gemeinschaftlich genutzte Wohnräume. Gemeinsam ist ihnen, dass Ressourcen nicht primär nach Profitlogik organisiert sind, sondern nach dem Prinzip des Zugangs und der gemeinsamen Pflege. Dadurch werden Ressourcen effizienter genutzt, da viele Dinge wie Werkzeuge, Fahrzeuge oder Räume die meiste Zeit ungenutzt bleiben, wenn sie ausschließlich privat besessen werden.
Das Teilen und Tauschen stärkt zugleich soziale Beziehungen. Wer Dinge gemeinsam nutzt, kommt miteinander ins Gespräch, stimmt sich ab und übernimmt Verantwortung für das Gemeinsame. So entstehen Vertrauen, Solidarität und ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Commons sind daher nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Antwort auf Vereinzelung und Konkurrenzdenken in modernen Gesellschaften.
Darüber hinaus fördern Gemeingüter Selbstorganisation und demokratische Teilhabe. Entscheidungen über Nutzung, Pflege und Regeln werden gemeinschaftlich getroffen. Menschen erfahren, dass sie ihre Lebensumstände aktiv mitgestalten können, statt nur als Konsumentinnen und Konsumenten zu agieren. Dieses Erleben von Selbstwirksamkeit ist ein zentraler Bestandteil einer postwachstumsorientierten Gesellschaft.
Schließlich tragen Commons dazu bei, Abhängigkeiten von globalen Märkten und stetigem Wachstum zu verringern. Lokale Tauschsysteme, Nachbarschaftshilfen oder gemeinschaftliche Infrastruktur machen Gemeinschaften widerstandsfähiger gegenüber Krisen. Teilen und Tauschen sind damit keine Rückschritte, sondern moderne, zukunftsfähige Formen des Wirtschaftens, die Wohlstand neu definieren: als gemeinsam getragene Lebensqualität statt als individuellen Besitz.
Teilen und Leihen
Nutzen Sie Sharing-Angebote oder gründen Sie welche: Car-Sharing, Werkzeugbibliotheken, Bücherregale. Ein Auto steht die meiste Zeit ungenutzt herum? Das ist Ressourcenverschwendung! Teilen macht es effizienter.
Kreativen Austausch fördern
Tauschen Sie Kleidung, Lebensmittel oder Dienstleistungen in Ihrer Nachbarschaft. Das stärkt die Gemeinschaftsbindungen und reduziert die Abhängigkeit von monetärem Konsum. Manchmal gibt es Kleidertauschpartys in der Stadt.
Gemeinschaftsgärten und Werkstätten
Engagieren Sie sich in Projekten, in denen Sie gemeinsam selbst versorgen (Subsistenz). Bauen Sie Gemüse an oder reparieren Sie gemeinsam Fahrräder. Zum Beispiel in einem Repaircafé oder bei Solawi (Solidarische Landwirtschaft). Das schafft Resilienz und Unabhängigkeit.
3. Entschleunigung und Neuausrichtung der Arbeit
Das kapitalistische System ist auf „immer schneller, immer mehr“ ausgerichtet. Postwachstum beinhaltet eine Entschleunigung des Lebens und eine Neugewichtung von Arbeit und Freizeit.
Entschleunigung bedeutet dabei nicht Stillstand oder Rückschritt, sondern eine Reduktion von Zeitdruck und Leistungsverdichtung. Kürzere Arbeitszeiten, flexible Arbeitsmodelle und eine gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit können Stress und Überlastung verringern. Wenn weniger Zeit für Lohnarbeit aufgewendet werden muss, entsteht Raum für Erholung, persönliche Entwicklung, soziale Beziehungen und gesellschaftliches Engagement.
Zugleich fordert Postwachstum eine Neubewertung dessen, was als „Arbeit“ gilt. Viele Tätigkeiten, die für das Funktionieren der Gesellschaft essenziell sind, wie Care-Arbeit, ehrenamtliches Engagement, Nachbarschaftshilfe oder Selbstversorgung, werden im aktuellen Wirtschaftssystem kaum anerkannt oder bezahlt. Eine postwachstumsorientierte Perspektive macht diese Arbeiten sichtbar und wertschätzt sie als gleichwertigen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand.
Die Neuausrichtung der Arbeit eröffnet außerdem die Möglichkeit, Tätigkeiten stärker an Sinn und gesellschaftlichem Nutzen auszurichten statt an reiner Profitmaximierung. Arbeit soll nicht nur Einkommen sichern, sondern auch als sinnstiftend erlebt werden. Dies kann eine höhere Lebenszufriedenheit, bessere Gesundheit und eine stärkere Identifikation mit der eigenen Tätigkeit bewirken.
Insgesamt zielt Entschleunigung im Kontext von Postwachstum darauf ab, das Leben wieder stärker am menschlichen Maß auszurichten. Weniger Hetze, weniger Konkurrenz und weniger Wachstumszwang schaffen die Grundlage für eine Wirtschafts- und Arbeitsweise, die sowohl ökologisch tragfähig als auch sozial gerecht ist.
Arbeitszeit reduzieren
Wenn es die finanzielle und berufliche Situation zulässt: Eine Vier-Tage-Woche oder eine generelle Reduktion der Arbeitszeit kann zu mehr Zeitsouveränität, Ruhe und Nähe führen. Gewonnene Zeit kann für Gemeinschaftsaktivitäten oder Selbstversorgung genutzt werden.
Immaterielle Werte pflegen
Fokussieren Sie sich auf immaterielle Werte wie menschliche Beziehungen, Achtsamkeit, Gesundheit und Bildung. Diese Dinge tragen mehr zur Lebenszufriedenheit bei als materieller Überfluss. Das kann Zeit für die Familie sein, Sport, ein bewusstes Leben, Weiterbildungen in sozialen oder handwerklichen Themen.
Alternativen zur Karriere
Hinterfragen Sie die Notwendigkeit ständiger beruflicher Steigerungslogik. Postwachstum bedeutet, die eigene Rolle als Wachstumstreiber kritisch zu sehen. Buchempfehlung: "All you need is less" von Niko Paech und Manfred Folkers.
4. Regionale und solidarische Wirtschaft stärken
Durch bewusste Entscheidungen bei der Versorgung können Sie regionale Kreisläufe und nachhaltigere Wirtschaftsformen fördern.
Ein zentrales Element ist die Unterstützung regionaler Produzentinnen und Produzenten, etwa durch den Einkauf auf Wochenmärkten, in Hofläden oder bei lokalen Handwerksbetrieben. Auch solidarische Landwirtschaft (SoLaWi), Genossenschaften oder kooperative Betriebe zeigen, wie Produktion und Konsum neu organisiert werden können. Hier teilen sich Verbraucherinnen und Verbraucher Risiken, Verantwortung und Erträge mit den Produzierenden, wodurch wirtschaftlicher Druck und Wachstumszwang abnehmen.
Solidarische Wirtschaftsformen stellen nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Bedürfnisbefriedigung in den Mittelpunkt. Faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen und ökologische Verträglichkeit werden als gleichwertige Ziele verstanden. Entscheidungen werden meist gemeinschaftlich getroffen, was demokratische Strukturen stärkt und Machtkonzentration entgegenwirkt.
Darüber hinaus fördern regionale Netzwerke die Krisenfestigkeit von Gemeinschaften. Wenn Wissen, Produktion und Versorgung vor Ort verankert sind, sinkt die Abhängigkeit von globalen Märkten und instabilen Lieferketten. Regionale und solidarische Wirtschaft ist damit nicht nur ein ökologischer, sondern auch ein sozialer und politischer Ansatz: Sie stärkt Selbstbestimmung, Vertrauen und Verantwortung füreinander.
Regional einkaufen
Kaufen Sie Lebensmittel und Produkte aus Ihrer Region. Das ist umweltfreundlicher, krisenresistenter und stärkt die lokalen Gewerbe in ihrer Gegend.
Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi)
Unterstützen Sie landwirtschaftliche Betriebe direkt, indem Sie sich an einer SoLaWi beteiligen. Sie erhalten einen Teil der Ernte und fördern eine ökologische, kleinbäuerliche Landwirtschaft.
Alternative Währungen
Manche Regionen experimentieren mit regionalen Währungen, die den Konsum vor Ort binden und so die lokale Wirtschaft stärken.
Zusammenfassung
Postwachstum ist ein radikaler, aber positiver Wandel. Es bedeutet, unseren Fokus vom „Mehr“ zum „Besser“ zu verschieben. Indem wir Suffizienz, das Teilen von Gütern und die Entschleunigung in unserem Alltag praktizieren, werden wir selbst zu Akteuren dieses Wandels. Es geht darum, dass das Gute Leben für uns und für alle zukünftigen Generationen innerhalb der Grenzen der Erde möglich wird.
Weiterführende Informationen:
- Zur Einführung in die Materie: Postwachstum: Definition & Psychologie – StudySmarter
- Praktische Tipps zu Suffizienz und Konsumreduktion: Postwachstumsökonomie: 15 Buchtipps zu Degrowth, Suffizienz und mehr – oekom Verlag
- Konkrete Beispiele und Ideen zur Reduktion: Postwachstumsökonomie kurz erklärt
Quellen
- BUNDjugend Baden-Württemberg
(ohne Jahr). Suffizienz – Gutes Leben für alle (PDF).
Verfügbar unter:
https://www.bund-bawue.de/fileadmin/bawue/Dokumente/Themen/Nachhaltigkeit/Suffizienz_Gutes_Leben_fuer_Alle_web.pdf - Commons Library
(ohne Jahr). Degrowth as a Concept and Practice – Introduction.
Verfügbar unter:
https://commonslibrary.org/degrowth-as-a-concept-and-practice-introduction/ - Degrowth.info
(ohne Jahr). Degrowth / Postwachstum.
Verfügbar unter:
https://degrowth.info/de/degrowth - Degrowth.info (Blog)
(ohne Jahr). Von der Postwachstumsgesellschaft zur Suffizienzpolitik.
Verfügbar unter:
https://degrowth.info/de/blog/von-der-postwachstumsgesellschaft-zur-suffizienzpolitik - Konzeptwerk Neue Ökonomie
(ohne Jahr). Postwachstum / Degrowth.
Verfügbar unter:
https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/themen/degrowth/ - Schmelzer, M., & Vetter, A.
(2020). Degrowth / Postwachstum zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag.
Systematische Einführung in Theorie, Geschichte und Praxis des Postwachstums - Wikipedia
(ohne Jahr). Degrowth.
Verfügbar unter:
https://en.wikipedia.org/wiki/Degrowth - Paech, Niko
(2012). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie
München: oekom verlag. - PARTEI MENSCH UMWELT TIERSCHUTZ (Tierschutzpartei)
(ohne Jahr). Postwachstumsökonomie – Ein Wirtschaftssystem jenseits von Wachstumszwang.
Verfügbar unter:
https://www.tierschutzpartei.de/postwachstumsoekonomie-ein-wirtschaftssystem-jenseits-von-wachstumszwang/nrw-postwachstum-wirtschaft/ - Bildnachweis:
Foto von Simon Hurry auf Unsplash
https://unsplash.com/de/fotos/ein-weisser-briefkasten-mit-einem-haufen-bucher-darin-4iP8v26huu0



