Wachstumshype: Warum Patrick Bernaus Degrowth-Kritik zu kurz greift

Es ist eine beliebte Erzählung in wirtschaftsliberalen Kreisen: Wenn es der Wirtschaft gut geht, gönnen wir uns den intellektuellen Diskurs über den Verzicht. Doch sobald die Schornsteine aufhören zu rauchen und die Renditen schwinden, kehrt die Reue zurück. Patrick Bernau hat diese Sichtweise in der FAZ wortgewaltig untermauert. Sein Urteil ist vernichtend: Degrowth sei eine Modeerscheinung, die am Realitätscheck der Rezession scheitert. Doch bei Licht betrachtet offenbart dieser Angriff fundamentale Missverständnisse darüber, was die Postwachstumsbewegung eigentlich will.

Das Missverständnis der „geplanten Rezession“

Bernaus zentrales Argument krankt an einer entscheidenden Begriffsverwirrung. Er setzt das politische Konzept des „Degrowth“ mit einer konjunkturellen Rezession gleich. Für Bernau ist eine schrumpfende Wirtschaft schlicht Chaos, Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg. Damit hat er recht – aber nur solange man sich innerhalb der Logik des heutigen Kapitalismus bewegt, der wie ein Fahrrad funktioniert: Wer nicht tritt, der fällt um.

Kritik Patrick Bernau

Kritik an der Kritik: Degrowth muss keinen Wachstumsstillstand bedeuten | Foto von Min An

Doch die Wachstumskritik fordert keinen unkontrollierten Sturz. Ihr Ziel ist kein kaputtes Fahrrad, sondern ein stabiles Dreirad. Es geht um eine geplante, sozial abgefederte Reduktion des Durchsatzes von Energie und Ressourcen, um die planetaren Grenzen zu wahren. Während eine Rezession die Menschen unvorbereitet trifft, ist Degrowth ein Entwurf zur Umgestaltung der Sozialsysteme, um sie eben unabhängig von jenem Wachstumszwang zu machen, den Bernau als alternativlos darstellt.

Die Arroganz gegenüber der Physik

Ein weiterer blinder Fleck in Bernaus Argumentation ist die ökologische Realität. Er behandelt die Debatte wie ein rein psychologisches oder moralisches Befindlichkeitsthema. Die physikalischen Fakten ( das Überschreiten der Belastungsgrenzen unserer Biosphäre) kommen in seiner Analyse kaum vor.

Es ist paradox: Bernau wirft den Kritikern mangelnden Realitätssinn vor, ignoriert dabei aber die mathematische Unmöglichkeit von unendlichem Wachstum auf einem endlichen Planeten. Wer glaubt, wir könnten uns mit „grünem Wachstum“ aus der Klimakrise retten, ohne jemals über eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs zu sprechen, der betreibt das eigentliche Wunschdenken. Bisher ist es nirgendwo gelungen, Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch so weit zu trennen, dass die Umweltzerstörung tatsächlich aufhört.

Degrowth ist kein Luxusgut, sondern Notwehr

Besonders polemisch wird es, wenn Bernau Degrowth als Hobby für privilegierte Akademiker abtut. Damit verkennt er, dass die schärfsten Impulse der Degrowth-Bewegung aus dem Globalen Süden kommen. Konzepte wie „Buen Vivir“ in Lateinamerika wehren sich nicht als eine Überflussgesellschaft gegen das Wachstum, sondern aus Notwehr gegen eine extraktive Wirtschaftsweise, die ihre Lebensgrundlagen zerstört. Für diese Menschen ist Wachstum kein Garant für Wohlstand, sondern die Ursache für Vertreibung und Umweltzerstörung.

Zusammenfasung: Die Angst vor der Transformation

Bernaus Artikel ist ein brillantes Beispiel für die Verteidigung des Status quo. Er beschreibt präzise die Symptome unserer Wachstumsabhängigkeit: die Angst vor dem sozialen Kollaps bei Stillstand. Er weigert sich aber, die zugrunde liegende Systemfrage zu stellen. Bernau behandelt Degrowth als ein psychologisches Phänomen der „Sättigung“, statt es als eine rationale Antwort auf die ökologische Überlastung des Planeten ernst zu nehmen.

Wer Degrowth kritisiert, weil Rezessionen schmerzhaft sind, verhält sich wie ein Arzt, der eine Entziehungskur ablehnt, weil der Patient während des Entzugs zittert. Natürlich ist der Übergang riskant. Doch die Alternative – ein „Weiter so“ bis zum ökologischen Kollaps – ist kein Realismus, sondern Vogel-Strauß-Politik. Die Kritiker des Wachstums verstummen nicht, weil sie unrecht haben, sondern weil der Widerstand derer, die vom alten System profitieren, mit der Schärfe der Krise zunimmt.

Kurz gesagt: Der Artikel kritisiert die Angst vor dem Schrumpfen, liefert aber keine Lösung für die Unmöglichkeit des unendlichen Wachstums.

These & Kritik im Überblick

Verwechslung von „Degrowth“ und „Rezession“

  • Bernaus These: Er setzt eine schrumpfende Wirtschaft (Rezession) mit der Degrowth-Forderung gleich.
  • Die Kritik: Das ist ein fachlicher „Strohhalm-Fehler“. Degrowth-Theoretiker (wie Niko Paech oder Jason Hickel) fordern kein ungeplantes Einbrechen der Wirtschaft innerhalb des bestehenden Systems (was zu Chaos und Arbeitslosigkeit führt), sondern eine geplante, sozial abgefederte Transformation. Eine Rezession ist instabil; Degrowth strebt eine stabile Ökonomie jenseits des Wachstumszwangs an. Bernau ignoriert diesen konzeptionellen Unterschied.

Das Ignorieren ökologischer Kipppunkte

  • Bernaus These: Der Fokus liegt fast rein auf ökonomischen und psychologischen Faktoren (Wohlstandsverlustangst).
  • Die Kritik: Bernau geht kaum auf die physikalische Notwendigkeit ein, die der Wachstumskritik zugrunde liegt. Wenn die planetaren Grenzen (Klimawandel, Artensterben) überschritten sind, ist „ewiges Wachstum“ auf einem endlichen Planeten mathematisch unmöglich. Den Degrowth-Anhängern mangelnden Realismus vorzuwerfen, während man die biophysikalische Realität ignoriert, ist paradox.

Die psychologische Abwertung als „Modeerscheinung“

  • Bernaus These: Er porträtiert die Bewegung als eine Art intellektuelle Mode wohlhabender Bürger, die das Interesse verlieren, wenn es ernst wird.
  • Die Kritik: Diese Sichtweise ist polemisch. Sie diskreditiert die ethische und wissenschaftliche Tiefe der Debatte. Viele Degrowth-Ansätze kommen aus dem Globalen Süden (z. B. Buen Vivir), wo es nicht um Luxusverzicht geht, sondern um den Schutz der Lebensgrundlagen gegen ausbeuterische Wachstumsmodelle.

Das Vertrauen auf „Grünes Wachstum“

  • Bernaus These: Implizit wird suggeriert, dass technischer Fortschritt das Problem lösen wird.
  • Die Kritik: Bisher gibt es keine Evidenz für eine ausreichend schnelle, absolute Entkoppelung von Ressourcenverbrauch und BIP-Wachstum. Bernau bleibt die Antwort schuldig, wie Wachstum ohne ökologische Zerstörung langfristig funktionieren soll, wenn die Effizienzgewinne regelmäßig durch Rebound-Effekte aufgefressen werden.

Was der Artikel übersieht (Die systemische Frage)

Bernau argumentiert stark innerhalb der bestehenden Logik des Kapitalismus: Ohne Wachstum brechen die Sozialsysteme zusammen, die Verschuldung wird untragbar und die Arbeitslosigkeit steigt.

  • Kritik: Hier hat Bernau recht – innerhalb des aktuellen Systems. Doch genau das ist der Punkt der Wachstumskritiker: Sie fordern eine Systemänderung, damit die Gesellschaft eben nicht mehr von Wachstum abhängig ist, um stabil zu bleiben (z. B. durch Arbeitszeitverkürzung, Umverteilung oder Reform des Geldwesens). Bernau beschreibt die Symptome der Abhängigkeit, lehnt aber die Heilung ab, weil er das Medikament (Wachstumsverzicht) für die Krankheit hält.

Quellen

Primärquelle (Diskussionsgrundlage)

Vertiefende Literatur & Konzepte

  • Fathey, Alberto Acosta et al.: Buen Vivir: Vom Recht auf ein gutes Leben. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung. Reihe Wirtschaft und Soziales. Online verfügbar unter: https://www.boell.de/sites/default/files/Endf_Buen_Vivir.pdf (Abgerufen am 25.12.2025).

  • Raworth, Kate: Die Donut-Ökonomie: Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. (Hintergrund zum im Artikel erwähnten Modell der planetaren Grenzen).

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